Samstag, 13. Januar 2018

Es war um die zehnte Stunde. (Joh 1,35)

02 Sonntag im Jahreskreis

 

 

EVANGELIUM

Joh 1, 35-42

 

35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!

37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.

38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister - , wo wohnst du?

39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.

41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden - das heißt übersetzt: Christus.

42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

 

 

Tagesimpuls:

 

Es war um die zehnte Stunde.  (Joh 1,35)

 

Von verliebten Menschen weiß ich, dass sie sich genau erinnern können an den Moment der ersten Begegnung mit dem Geliebten. Sie können genau sagen, wann und wo das war, auf die Stunde genau. Es gibt auch Verliebte, die sich die ersten zehn oder noch mehr Begegnungen genau gemerkt haben. Das liegt daran, dass mit der Erinnerung an diese Begegnungen so eine große innere Freude verbunden ist, dass sie diese Erinnerung immer wieder wachgerufen haben, hunderte oder tausende Male. Und so waren sie vielleicht manchmal im praktischen Leben etwas abwesend, in Tagträumen versunken, aber in ihrem Herzen waren sie einfach nur glücklich, immer wenn sie diese Erinnerungen durchgegangen sind. So etwas geschieht bei Verliebten. Aber bei den ersten Jüngern schien es genauso zu geschehen zu sein, denn sie erinnern sich nach vielen Jahren immer noch genau an die Stunde der ersten Begegnung mit Jesus.

 

Es war um die zehnte Stunde.

 

Zweifelsfrei hat Jesus die Menschen tief beeindruckt. Und all die Fähigkeiten der Seele, die bei dem Vorgang des Verliebens aktiv werden, können aktiv werden in der Begegnung mit Jesus. Die Liebe zu Jesus kann sogar stärker sein als die Liebe zu einem Menschen, auch gefühlsmäßig. Man kann in der Liebe zu Jesus all das erfahren, was verliebte Menschen erfahren. Das wissen viele Christen nicht, weil sie es nicht kennen. Daher ist es wichtig, dass die Christen, die es kennen gelernt haben, das bezeugen. Es wäre wünschenswert, wenn viele Christen eine Sehnsucht entwickeln würden, Jesus wirklich tief und auch emotional zu lieben.

 

Es war um die zehnte Stunde.

 

Ich erinnere mich an eine Passage aus der „Inneren Burg" von Theresa von Avila. Sie schreibt über Gefühle beim Glauben an Jesus. Dann ruft sie sich sozusagen zur Ordnung und sagt (so wie sie es immer wieder von ihren Beichtvätern und den Priestern hört), dass die Gefühle ja nicht das wichtigste sind beim Glauben. Aber dann korrigiert sie sich erneut und schreibt (zitiert aus der Erinnerung): „Ach, was sage ich, liebe Schwestern! Die Gefühle und Glaubenserfahrungen, die Jesus uns schenkt, helfen uns so sehr dabei, dass wir Jesus mehr lieben und dass die Tugenden mehr in uns wachsen. Wir können unseren Mitmenschen so viel mehr Liebe schenken, wenn Jesus uns mit seiner Liebe erfüllt." Sinngemäß sagt sie letztlich, dass die Gefühle eben doch wichtig, sind, denn dadurch vertieft sich unsere Glaubenserfahrung und wir haben einfach noch mehr Liebe in uns. Und das kommt wiederum allen Menschen zugute. Wir sehen, da ist irgendwie eine Spannung zwischen den „vernünftigen" Priestern und der Erfahrung der Mystikerin. Ich finde das gut.

 

Es war um die zehnte Stunde.

 

Ja, wir brauchen Verliebtheit mit Jesus! Wir brauchen Glaubensfreude! Wir brauchen die Erfahrung, dass die Begegnung mit Jesus tief unsere Herzen prägt. Und jeder von uns ist anderes. Der eine hat es schon erlebt, und das löst in ihm eine Sehnsucht aus, es immer wieder immer tiefer zu erleben. Und der andere hat es vielleicht bisher nur ansatzhaft erlebt. Auch in ihm wird die Sehnsucht nach dieser Erfahrung verstärkt. Und diese Sehnsucht treibt uns immer mehr in die Arme Jesu. Ich glaube Jesus schenkt die Liebeserfahrungen dort, wo Menschen Sehnsucht danach haben.

 

Gebet:

Jesus, du hast uns geliebt, und diese Liebe ist wirklich erfahrbar. Sie ist viel mehr als nur ein Wissen der Vernunft. Jesus, deine Liebe ist so total überzeugend. Wer deine Liebe kennengelernt hat, der weiß, dass es dich wirklich gibt, dass du wirklich lebst, der kann es hundertprozentig bezeugen, der kann sich an Orte und Zeiten der Liebeserfahrung erinnern. Jesus, ich bitte dich, lass uns alle eine noch größere Sehnsucht nach dieser Liebe empfangen. Und erfülle unsere Sehnsucht, gleich wie lange du uns warten lässt. Und hilf uns, dass niemand den Glauben aufgibt, sondern lass uns voller Erwartung warten auf die Eingießung deiner Liebe in unsere Herzen.

 

 

Pastor Roland Bohnen 

www.tagesimpuls.org

 

 

 

 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen