Samstag, 6. Mai 2017

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. (Joh 10,2)

04 Sonntag der Osterzeit

 

 

EVANGELIUM                                                                           Joh 10, 1-10

 

In jener Zeit sprach Jesus:

1Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.

2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

3Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.

5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

7Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

8Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.

9Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.

10Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

 

 

Tagesimpuls:

 

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. (Joh 10,2)

 

Ich kenne viele Christen, die traurig und fast schon verzweifelt sind, weil die Menschen, die ihnen am Herzen liegen, ihnen nicht auf dem Weg des Glaubens folgen. Viele Ehefrauen wünschten sich, dass ihre Ehemänner zum Glauben an Jesus kämen, viele Eltern wünschten sich das von ihren Kindern usw. Und es gibt eine Erfahrung: Je mehr man das unbedingt will, umso weniger gelingt es. Da könnte man die Frage stellen: Gehe ich wirklich durch die Tür zu den Schafen? Habe ich die richtige Tür zu den Herzen gefunden? Oder komme ich zu den Menschen, die ich liebe, letztlich doch wie ein Dieb? Wenn es so ist, dann ist es vermutlich unbewusst, denn ich will für sie ja nur das Beste.

 

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

 

Mir geht es übrigens oft genauso. Ich wünschte mir, dass viele Menschen in der Gemeinde mehr auf den Weg des Glaubens finden, und ich bin auch oft enttäuscht, weil es scheinbar nicht so klappt, wie ich es mir wünsche. Also frage ich mich: Gehst du wirklich durch die Tür? Mir wird immer mehr bewusst: Wenn die Menschen spüren, dass ich etwas von ihnen will, dann folgen sie mir nicht. Ich muss sie noch viel mehr loslassen. Dann können sie den Weg besser finden. Solange ich die Menschen irgendwie manipulieren will, geht es nicht. Nur wenn ich sie loslasse, gehe ich durch die richtige Tür. Das scheint paradox, denn im Loslassen scheint es, also würde ich sie verlieren. Aber nur so kann ich sie gewinnen.

 

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

 

Das Loslassen beinhaltet auch, dass ich die Menschen mehr um ihrer selbst willen liebe. Das bedeutet, dass ich mehr zu den Veranstaltungen gehe, von denen sie selber begeistert sind, statt die Menschen zu bedrängen, dass sie dorthin gehen, wovon ich begeistert bin. Liebe heißt, dass ich mich für das Leben des anderen interessiere, und dass ich ihm nicht mein Leben aufdrängen möchte. Und in dem Interesse am anderen finde ich sehr viel von Jesus in seinem Leben, ganz anders als ich erwartet hatte, aber oft auch sehr viel mehr, als ich erwartet hatte. Dann erfahre ich: es ist Jesus, der auch diesen Menschen führt, nicht ich. Und Jesus führt ihn auf einem bestimmten Weg, der anders aussieht als mein eigener Weg.

 

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

 

Nur, wenn ich durch Jesus zu den Menschen gehe, habe ich den Schlüssel zu ihren Herzen. Und das bedeutet: Sie loslassen, mich für ihr Leben zu interessieren, an ihrem Leben teilnehmen und entdecken, wie Jesus in ihnen wirkt. Dazu muss ich meine Pläne und Wünsche vollkommen loslassen. Und ich bin sicher, je mehr ich loslasse, umso mehr werde ich sie gewinnen.

 

Gebet:

Jesus, viel zu oft wollte ich den Menschen meine Pläne, meine Ideen aufdrängen. Und sie hören nicht darauf. Bitte hilf mir, durch die richtige Tür zu gehen, die Tür der Demut, der Liebe, des Interesses und Anteilnehmens am anderen. Ich danke dir für all die guten Erfahrungen, die ich auf diesem Weg schon sammeln durfte. Ich danke dir, dass ich – oft unerwartet – so viel von dir in den anderen entdecke, dass du sie ihren Weg führst. Hilf mir, immer mehr loszulassen von meinen eigenen Plänen, so dass die Menschen spüren, dass ich nicht mit Hinterabsichten zu ihnen komme.

 

 

Pastor Roland Bohnen